Das Ende der Sowjetunion sollte Frieden bringen. Es öffnete aber auch Populisten die Tür. Ohne Feind verblassten faktenbasierte Politiker. Diese Herausforderung muss Deutschland meistern.
Schon im Jahr 1988 sagte der sowjetische Diplomat Georgi Arbatow voraus, was uns heute einholt. „Wir tun euch etwas Schreckliches an“, sagte der Berater von Staatschef Michail Gorbatschow. „Wir nehmen euch den Feind weg.“
Ohne die Sowjetunion glaubten viele Europäer an das Ende aller Kriege und den ewigen Sieg der Demokratie. Sie strichen Militäretats zusammen. Sie schlossen Rüstungsfabriken und rekrutierten immer weniger Soldaten. Das freigewordene Geld investierten sie in Sozialsysteme und Wirtschaft.
Im Freudentaumel übersahen sie die Gefahr, die Arbatow erkannt hatte: Menschen denken gerne im Muster „Gut gegen Böse“. Hollywood-Blockbuster und Fantasy-Romane dieses Schemas gewinnen jeden Beliebtheitswettbewerb gegen Dokumentarfilme und Sachbücher. Es passt zu unserem Gehirn. Botschaften, die es verwenden, erreichen uns eher als Fakten und Analysen.
Das Ende des Kalten Kriegs stärkte Populisten
Wollen auch Politiker Beliebtheitswettbewerbe gewinnen, müssen auch sie im „Gut gegen Böse“-Muster sprechen. Solange die Sowjetunion der Bundesrepublik überzeugend eine tatsächliche Bedrohung lieferte, taten dies auch faktenbasierte Politiker. Sie erreichten die Mehrheit der Menschen. Sie setzten sich durch. Die deutsche Politik blieb frei von Populisten.
Mit dem Ende der Sowjetunion änderte sich dies. Ohne echte Gefahr langweilten faktenbasierte Politiker im Vergleich zu Populisten. Diese konnten Feinde erfinden. Das verschaffte ihnen einen Vorteil im Kampf um die Aufmerksamkeit der Wähler.
Der Aufstieg populistischer Parteien entstand weder durch Entscheidungen einer Regierung noch durch die Finanzkrise oder die Corona-Pandemie. Er entstand zu einem guten Teil, weil Populisten in einer Welt ohne Feinde mehr Menschen erreichen als faktenbasierte Politiker.
Diese Entwicklung begann in den 1990er Jahren. Schwung gewann sie, als Soziale Medien Populisten neue Werkzeuge schenkten. Facebook (gegründet 2004) und Twitter (gegründet 2006) ermöglichten ihnen die massenhafte Verbreitung einfacher Feindbilder ohne journalistische Filter. Niemand kontrollierte den Wahrheitsgehalt. Niemand ordnete ein.
Populisten hätten diese Werkzeuge auch ohne Krisen und bei anderen Entscheidungen angewandt. Mit gleichen Folgen.
Neue Bedrohungen rücken Europa zusammen – noch
Erliegen wir nun unweigerlich dem Populismus? Eher nein. Wladimir Putin und Donald Trump schaffen neue echte Bedrohungen, neue Bösewichter. Auch faktentreue Politiker sprechen wieder im „Gut gegen Böse“-Schema. Damit können sie gegen Populisten bestehen.
Wieder rückt Europa zusammen. Eine gute Nachricht.
Langfristig bleibt dennoch die Hoffnung, dass wir auch ohne Bösewichter zusammenrücken lernen. Die deutschen Einzelstaaten taten dies im 19. Jahrhundert, weil keiner alleine in einer immer globaleren Welt bestehen konnte. Deutschland bleiben heute, in einer noch globaleren Welt, alleine ähnlich wenige Chancen wie damals einem Fürstentum. Enge Bündnisse in Europa und mit weiteren Ländern liegen in unserem Interesse.
Dieses Interesse sollten wir erkennen. Nicht immer werden uns andere Länder, wie derzeit die USA, dabei helfen. Nicht immer werden sie uns die abschreckenden Folgen populistischer Erfindungen verdeutlichen, bevor wir diesen selbst verfallen. Suchen wir Bösewichter, geben wir eines Tages selbst das abschreckende Beispiel.
Wie wir Populismus erkennen und aus der Politik verbannen, erfahren Sie in meinem Buch „Es gewinnen alle oder keiner“.

Artikelbild: Georgi Arbatow (2.v.r.) bei einer Podiumsdiskussion des Ärztekongresses gegen Atomkrieg der International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) im Jahr 1983 in Amsterdam.
Foto: Rob Bogaerts, http://proxy.handle.net/10648/ad2acafa-d0b4-102d-bcf8-003048976d84, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65627752




