Seit Donald Trump Nicolás Maduro gefangen nehmen ließ, rätselt die Welt, was der US-Präsident erreichen will. Dabei reden wir Trump wieder klüger als er ist. Er folgt keinem Plan. Gestehen wir es uns ein. Denn wir müssen damit umgehen.
Als Donald Trump in seinem Urlaubsressort in Florida der Presse von der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro berichtet, startet er den gleichen Kreislauf wie immer:
- Trump sagt Unglaubliches: Die USA leiten Venezuela nun, behauptet Trump.
- Die Medien erkennen die Widersprüche: Trumps Spezialeinheiten beseitigten mit Maduro den Anführer eines kriminellen Systems. Das System steuert aber weiter Militär und Wirtschaft. Wollen die USA das Land leiten, müssen sie das gesamte System entmachten. Das scheiterte schon in Afghanistan und im Irak. Entmachten sie das System nicht, können sie das Land nicht führen. Viele Experten und Medien benennen diese Widersprüche.
- Die Medien fragen erfolglos nach: Sachliche Politiker stellen an dieser Stelle Pläne vor, wie sie mit diesen Herausforderungen umgehen. Trump nicht. Als die Medien ihn in Florida befragen, was „das Land führen“ heißen soll, verweist der US-Präsident auf Verteidigungsminister Pete Hegseth und Außenminister Marco Rubio. Sie würden sich darum kümmern. Auch sie nennen aber keine Pläne.
- Die Medien erfinden Gründe für Trump: Statt diesen Ablauf klar zu benennen, erfinden die Medien Gründe, was sich Trump beim Schlag gegen Maduro gedacht habe: „Wussten Sie schon, dass Venezuela die größten Ölreserven der Welt besitzt?“ Plötzlich wirkt Trump zwar rücksichtslos, aber durchdacht.
Dieser Kreislauf stellt Trump klüger dar, als er ist. Zeit, dass wir ihn durchbrechen. Das tun wir in vier Schritten.
1. Trump nutzt Maduro als Feindbild
Trump befahl den Einsatz gegen Maduro, weil er ein Gefühl für Populismus besitzt. Er versteht: Wer als Retter gelten will, muss gegen Böses kämpfen. Also erfindet er Feinde. Nicht, weil es ihm um Öl oder Macht geht. Sondern weil ihn seine Anhänger dafür bewundern.
Nur deswegen bezeichnete Trump Maduro als Drahtzieher vieler Drogenprobleme. Er erfand ein Feindbild. Das sicherte ihm Aufmerksamkeit und Unterstützung. Damit stieß er die Entwicklung an.
Zur Einordnung: Maduro hatte nicht hart gegen die Drogenkartelle im eigenen Land durchgegriffen. Das stimmt. Er führte sie aber nicht an. Venezolanische Kartelle brachten außerdem nur einen kleinen Teil des US-Kokains ins Land (ihr Hauptmarkt liegt in Europa) und praktisch kein Fentanyl, das Trump als Hauptgefahr benennt.
2. Trump muss immer härter durchgreifen – wie alle Populisten
Wäre Trump der Präsident eines kleinen Landes, er könnte Maduro ewig als Feindbild aufbauen: „Es gibt diese übermächtige Bedrohung. Ich kämpfe dagegen. Aber was soll ich machen? Als kleines Land kann ich nicht gewinnen, nur das Schlimmste vermeiden.“ Viele Diktatoren sichern sich so auf Jahrzehnte Macht.
Trump regiert aber über das mächtigste Militär aller Zeiten. Er kann jede Bedrohung besiegen.
Das muss er auch. Ein US-Präsident, der vor einem kleinen Land wie Venezuela warnt, ohne es aufzuhalten, macht sich unglaubwürdig.
Anfangs ließ Trump daher venezolanische Schnellboote bombardieren. Seine Anhänger feierten ihn: „Endlich greift jemand durch.“
Dann stieß Trump auf das Grundproblem aller Populisten:
- Populisten scheitern: Populisten erfinden Feindbilder. Der Kampf gegen diese Erfindungen kann nie die Erfolge bringen, die die Populisten versprechen. Die USA können Schnellboote bombardieren. Fentanyl strömt trotzdem weiter ins Land, weil diese Boote es nie transportierten. Irgendwann fällt das auf.
- Populisten eskalieren: Populisten brauchen Feindbilder. Bringt der Kampf gegen diese nicht die versprochenen Erfolge, können sie ihn unmöglich aufgeben. Sie können aber sagen: „Unser Einsatz reicht noch nicht.“ Also eskalieren sie die Lage: Wirkt Boote bombardieren zu klein, muss Maduro weg. Nur so kann Trump weiter behaupten, seine Anhänger zu beschützen. Wie in einem Film vergrößert er die Dramatik, um die Geschichte spannend zu halten.
Auch diese Eskalation wird den USA nicht den versprochenen Erfolg bringen. Trump muss also weiter eskalieren. In Venezuela oder anderswo. Irgendwie muss er mehr Drama, mehr Feindbilder bieten.
Diese Entwicklung kann uns gefährlich werden. Hält sie niemand auf, führt sie zu immer mehr Konflikten und Problemen. Wollen wir sie beeinflussen, müssen wir sie uns das zunächst eingestehen.
Immer das gleiche Muster: Ein ICE-Agent erschießt in Minneapolis eine Frau. Diese hatte die Agenten erst durchgewunken und dann, als diese sie aus dem Auto ziehen wollten, zu fliehen versucht. Der Agent schießt einmal durch die Windschutzscheibe und, als das Auto bereits an ihm vorbeifährt, zweimal durch das Fenster.
Trump und seine Regierungsmitglieder kritisieren den Schützen nicht. Sie bezeichnen die Frau als Terroristin und die schreienden Zuschauer als professionelle Unruhestifter. Die Schuld am Vorfall sehen sie bei der "radikalen Linken" voller Gewalt und Hass, als die sie alle Andersdenken bezeichnen. Wieder eskalieren die Populisten. Wieder vergrößern sie die erfundene Bedrohung und verschärfen ihr Vorgehen. Wie weit sie danebenliegen erkennt, wer es aushält, das Video des Vorfalls anzuschauen.
3. Gestehen wir uns ein, was Trump tut
Trump fehlt in Venezuela ein Plan für die Zeit nach Maduro. Wie in Gaza und der Ukraine, bei Zollsätzen und Migrationsfragen, denkt er nicht weiter an das Danach. Er sucht hier und jetzt Aufmerksamkeit. Hilft ihm dabei der Satz „Wir führen das Land jetzt“, sagt er ihn.
Wer Erklärungen erfindet, was sich Trump weiter dabei denken könnte, stellt ihn klüger da, als er ist. Er verfolgt keinen Plan. Er handelt zu seinem kurzfristigen persönlichen Vorteil. Weil er lieber über sein Militär redet als über Inflation und Epstein-Skandal.
Vielleicht fürchten wir uns in Deutschland vor der Einsicht, dass ein verantwortungsloser Politiker wie Trump das mächtigste Militär aller Zeiten führt. Vielleicht reden wir uns deswegen ein, dahinter stecke ein größerer Plan. Vielleicht scheuen wir die eigene Verwundbarkeit. Vielleicht erliegen wir unserer Erwartung, weil Politiker lange tiefer dachten als Trump. Verständlich.
Aber wenig hilfreich. Wir können uns nicht nur nicht länger auf die USA verlassen. Donald Trump schafft Gefahren, die uns schaden können. Erhofft er sich davon Nutzen, schadet er uns auch selbst.
Davor sollten wir nicht die Augen verschließen. Darauf müssen wir uns vorbereiten.
Zur Einordnung: Die Gefangennahme Maduros hilft den Vereinigten Staaten nicht bei der Beschaffung von Öl. Die Welt fördert bereits deutlich mehr Öl, als sie verbraucht. Dadurch sinkt der Ölpreis.
Das dient OPEC (Organisation erdölexportierender Länder), weil deren Mitglieder Öl günstiger herstellen als beispielsweise die USA. Sie drängen Konkurrenten durch Niedrigpreise vom Markt. US-Ölfirmen fürchten daher bereits um die Rentabilität der für Milliarden Dollar ausgebauten Fracking-Förderung im eigenen Land.
Sollen diese US-Firmen in Venezuela nun mehr Öl fördern, investieren sie weitere Milliarden, um ihre Anlagen in den USA noch unwirtschaftlicher zu machen. Gleichzeitig bleibt die Gefahr, die Intervention in Venezuela könne scheitern wie einst im Irak. Dann bringen die Investitionen ebenfalls keine Rendite. Auch wenn Trump sagt, US-Ölfirmen bauen Venezuela wieder auf, sagt er dies also aus Gefühl statt Überlegung.
4. Schützen wir uns vor Trump
Wir wissen, wie wir uns gegen Trump verteidigen. Die Vereinigten Staaten benennen in ihrer Sicherheitsstrategie das Ziel, „patriotische Parteien“ in Europa zu fördern: Ein geteiltes Europa kontrollieren sie leichter als ein geeintes.
Der erste Schritt zu mehr Sicherheit besteht für Deutschland darin, Trump diesen Gefallen auszuschlagen. Wählen wir weiter die Parteien, die unser Land seit Jahrzehnten erfolgreich machen. Verweigern wir Trumps Brüdern im Geiste die Unterstützung. Deren Kampf gegen erfundene Feindbilder schafft sonst hierzulande die gleichen Gefahren wie derzeit in den USA. Darunter leiden alle.
„Wir reden darüber, dass diese Regierung uns schon wieder über den Tisch zieht“, sagte ein Topmanager einer der führenden US-Fracking-Gruppen der FT. Die Pläne Trumps bezeichnete er als „gegen amerikanische Produzenten gerichtet“. „Wenn die US-Regierung anfängt, Ölunternehmen Garantien zu geben, damit sie in Venezuela Öl fördern oder die Produktion ausweiten, dann werde ich … stinksauer sein.“
Wie wir Populisten aufhalten, erfahren Sie in meinem Buch „Es gewinnen alle oder keiner“.

Artikelbild: US-Präsident Donald Trump äußert sich auf einer Pressekonferenz in Mar-a-Lago in Palm Beach, Florida, nach der Operation „Absolute Resolve“ in Venezuela, die zur Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro führte, am Samstag, dem 3. Januar 2026. Von The White House – https://www.flickr.com/photos/202101414@N05/55025521421/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=181301219.




