ETF-Anleger unterschätzen, wie wichtig eine funktionierende Demokratie für steigende Aktienkurse ist. Nun, da in den USA Donald Trump an der Demokratie rüttelt, führen uns falsche Hoffnungen schlimmstenfalls in eine Börsenkrise. Dann bringen die ETFs in den Depots von Millionen deutschen Sparern keine Renditen oder Verluste.
Auf welch wackeligen Beinen die Börsen derzeit stehen, zeigen die Ratschläge, die ETF-Finfluencer gerade verteilen. Anleger sollen Sparraten von ETFs auf US-Indizes wie S&P 500 und Nasdaq oder dem US-lastigen MSCI World in europäische Fonds umschichten, empfehlen sie in Zeitungen und Internet. Ihre US-ETFs sollen Anleger aber nicht verkaufen.
Diese offensichtlich unlogischen Aussagen verdeutlichen das Problem, vor dem wir stehen.
Auf zu viel Hoffnung folgt oft ein Crash
Lange behaupteten die gleichen Finfluencer, wer an der Börse jeden Monat den gleichen Betrag investiert, könne nicht verlieren. Langfristig stiegen die Märkte immer. Krisen vergingen schnell. Wer regelmäßig anlegt, kaufe in Schwächephasen günstig ein und profitiere später doppelt. Durchhänger lieferten eher Grund zur Freude als zur Panik.

So muss es aussehen: ETFs auf Börsenindizes wie den deutschen Dax (oben der Xtrackers DAX UCITS ETF) und den US-amerikanischen Dow Jones (unten der iShares Dow Jones Industrial Average UCITS) verdoppelten ihre Kurse innerhalb weniger Jahre. Das müssen sie aber auch, um die durchschnittlich sechs bis acht Prozent jährliche Rendite abzuwerfen, die sich Anleger von ihnen erhoffen, und das Gefühl stetig steigende Kurse zu vermitteln. Leider entwickeln sich die wenigsten ETFs derart spektakulär.

Nun, da die Kurse in den USA sinken und in Europa steigen, zeigen die Reaktionen der ETF-Gurus, wie wenig sie an ihre Botschaft glauben.
- Nach ihrer eigenen Logik müssten diese Gurus Anlegern jetzt raten, eher mehr in den USA zu investieren. Endlich günstig einkaufen!
- Sie raten aber, die Sparraten nach Europa umzuschichten.
- In Europa hätten Anleger jahrzehntelang günstig einkaufen können. Jetzt, wo es teurer wird, raten die Gurus zum Umschichten. Von „günstig einkaufen“ keine Spur.
Das ist der erste Widerspruch.
Auflösen könnten die Finfluencer diesen Widerspruch, indem sie Anlegern gleichzeitig raten, ihre US-ETFs zu verkaufen: „In den USA fallen die Kurse auf absehbare Zeit. Investiert lieber woanders.“ Das würde Sinn ergeben.
Die Finfluencer sagen aber nicht. Stattdessen verknüpfen sie zwei widersprüchliche Aussagen:
- „Die Krise vergeht, haltet eure Anteile.“
- „Die Krise vergeht nicht, deswegen weniger investieren.“
Dieser Schlingerkurs zeigt, dass viele ETF-Gurus nie eine durchdachte Anlageempfehlung verbreiteten. Sie wollten, wie die meisten Influencer, eher Geld verdienen als Menschen ehrlich beraten.
Die Börse eignet sich dafür ideal:
- Leichter Einstieg: Die meisten Menschen verstehen wenig von Aktien. Wer als Experte auftreten will, muss nur etwas mehr wissen als sein Publikum. Gerade die ETF-Botschaft lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen. Gitarren- und Strick-Influencer müssen ihr Fach beherrschen. ETF-Gurus nicht.
- Hohe Prämien: Monatliche ETF-Sparraten mit monatlichen Gebühren bringen Banken sichere Einnahmen. Die Geldhäuser zahlen pro vermitteltem ETF-Kunden daher oft einige Hundert Euro. Nicht zu vergleichen, mit den paar Cent, die Strickfluencer mit Wolle-Links verdienen.
- Große Zielgruppe: Jeder will sein Geld gut anlegen und für das Alter vorsorgen. Nur ein Teil der Menschen will aber ein Instrument spielen oder Stricken lernen. ETF-Finfluencer erreichen fast jeden.
ETFs liefern angehenden Influencern das ideale Themengebiet. Also richteten sich viele Menschen, die wenig von Finanzmärkten verstehen, Social-Media-Accounts ein.
Nun, da Millionen Anleger ihren undurchdachten Empfehlungen gefolgt sind, kann das gut gehen. Muss es aber nicht. Womöglich führt es in die gleiche Krise, die oft folgte, wenn fragwürdige Experten den Menschen vermeintlich todsichere Anlagen einredeten:
- Die Chance, dass ETFs auf Dow Jones und S&P 500 (in Euro gerechnet) in den kommenden 20 Jahren keinen neuen Höchststand erreichen, auf mindestens 50 Prozent.
- Für Anleger bedeutet das: Die Kurse, die sie für diese ETFs Anfang des Jahres 2025 in ihren Depots sahen, sind mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit die höchsten Kurse, die sie dort auf zwei Jahrzehnte sehen werden.
- Es besteht ein gutes Risiko, dass Anleger für jeden Euro, den sie mit diesen ETFs jetzt für den Ruhestand ansparen, zum Rentenbeginn weniger als 50 Euro wiederbekommen.
- ETFs auf den MSCI World drohen im gleichen Zeitraum Börsenjahre mit weniger Rendite als festverzinsliche Anlagen.
Wir haben alles, was man für einen Crash braucht: unrealistische Hoffnungen und eine übersehene Gefahr.
Dieses Problem sollten wir uns klar eingestehen. Nur dann können wir damit umgehen.
Das Problem entsteht in zwei Schritten:
1. Falsche Hoffnungen und schlechte Ratschläge
Finfluencer haben den Menschen als sicher eingeredet, was nicht sicher ist: immer steigende Kurse.
In Wahrheit steigen Kurse längst nicht immer.
- Der japanische Börsenindex Nikkei erreichte im Jahr 1990 Höchststände, die er erst jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, übertrifft. Zwischendurch dümpelt er lange um 80 Prozent unter seinem Höchststand.
- Der spanische Börsenindex Ibex 35 hat seinen Höchststand von über 16.000 Punkten aus dem Jahr 2008 bis heute nie wieder erreichte. Seit Mitte der 1990er Jahre schwankt der Index seitwärts.
- Indizes außerhalb westlicher Volkswirtschaften entwickelten sich oft noch schlechter. Um Wechselkurse bereinigt, bescherten sie Anlegern meist Verluste.
Gebühren eingerechnet, schlugen Anleger mit ETFs auf die meisten Indizes der Welt oft nicht einmal die Inflation. Einige machten Verluste. Mehr Gewinne als mit langweiligen, sicheren Anlagen machten nur sehr Glückliche, die zum perfekten Zeitpunkt anlegten. Für die Altersvorsorge eigneten sich andere Anlagen besser.

Schwache Börsen gibt es zuhauf: Denken Sie an Silvio Berlusconi und Matteo Salvini, dann schauen Sie sich die Ergebnisse eines ETFs auf den italienischen Aktienmarkt an (oben der Xtrackers FTSE MIB UCITS ETF, der die 40 größten italienischen Unternehmen abbildet): 15 Jahre lang rote Zahlen. Dann denken Sie an Donald Trump. Schon erkennen Sie das Risiko, vor dem die US-Aktienmärkte stehen.
Auch spanische Aktien (unten der Amundi IBEX 35 UCITS ETF) warfen von 2008 bis 2023 - immerhin 15 Jahre - praktisch keine Gewinne ab. In den vergangenen Jahren sind sie wieder gestiegen. Die Durchschnittsrendite seit 2008 bleibt dennoch deutlich unter den sechs bis acht Prozent, die ETF-Gurus versprechen. Die wenigsten Anleger besparen zudem 15 Jahre lang einen ETF in der Hoffnung, dass dieser irgendwann doch steigt. Sie steigen aus und investieren ihr Geld anderswo.

Die Erzählung ewig steigender Kurse stimmt schlicht nicht. Aussagen wie „Über zehn Jahre sind die Märkte bislang immer gestiegen“ oder „Wer heute sein Geld anlegt, hat in zehn Jahren sicher mehr als heute“ sind falsch. Und denken Sie einmal daran, wie oft Sie diese Aussagen schon von ETF-Gurus gehört haben.
- Diese Aussagen stimmten bislang für die USA.
- Diese Aussagen stimmten auch für Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg.
- Aber schon wer Deutschland ab 1900 betrachtet – zwei Weltkriege, eine Hyperinflation und 40 Jahre Sozialismus in einem Teil -, erkennt die Probleme der Erzählung.
- Gleiches gilt für viele Länder der Welt, auch in Europa. Viele Länder haben schwache Börsen.
Die Erzählung einfacher, aber sicherer Marktgewinne klingt zu gut, um wahr zu sein. Sie ist es auch. Sie versteckt die Gier, die in jedem von uns steckt, hinter dem Mantel vermeintlicher Vernunft. Das macht sie so gefährlich.
Stimmt schlicht nicht: "Aktien ETFs sind im Vergleich dazu total günstig und auch sehr pflegeleicht und vor allen Dingen auch, wenn man sich die Renditechancen anschaut", sagt Saidi von Finanztip. "Wenn ihr da mehr als 15 Jahre investiert wart, dann habt ihr im Schnitt pro Jahr eine Rendite von etwa sieben Prozent gemacht und das ist schon ganz schön ordentlich. Und in vielen Fällen, eben über so lange Zeiträume gesehen, werdet ihr damit auch eine Rendite einfahren, die oberhalb der Inflation liegt. Das kann man sich heute vielleicht gar nicht vorstellen. Aber nur damit habt ihr auch wirklich die Chance, euch ein ordentliches Vermögen aufzubauen." Dann empfiehlt Saidi ETFs, auf die Finanztip verlinkt und sich so eine Vermittlungsprämie sichert. Das ist irreführend: ETFs wirken in dieser Darstellung wie Selbstläufer, die sie nicht sind.
ETF-Wunschdenken hat den realistischen Blick auf Risiken verdrängt: Wer an der Börse sein Geld anlegt, muss damit rechnen, es zu verlieren. Damit das nicht passiert, sollten Anleger solide vorplanen. Wem dazu Zeit oder Lust fehlen, sollte die Börse meiden.

20 Jahre fallende Kurse: Von 1990 bis 2010 verbuchte der japanische Nikkei-Index Verluste. Hätte ein Anleger mit Nikkei-Aktien ab Ende der 1980er für den Ruhestand gespart, er hätte jetzt, zum Rentenbeginn, damit weniger verdient als mit sicheren Investitionen.
Natürlich platzte damals in Japan eine außergewöhnliche Börsenblase. Der Punkt ist: Anleger sollten nicht blind darauf vertrauen, dass ETFs Gewinne abwerfen. Das passiert nur unter bestimmten Bedingungen. Quelle: Von Monaneko http://www.stat.go.jp/data/getujidb/zuhyou/d09.xlshttp://indexes.nikkei.co.jp/nkave/archives/data, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2412825.
Das ETF-Wunschdenken schafft eine Gefahr:
- Irgendwann zeigt die Welt Anlegern, dass Kurse doch nicht immer steigen.
- Dann haben Millionen Menschen Teile ihres Ersparten verloren und schlecht für das Alter vorgesorgt. Eine menschliche Tragödie.
- Verkaufen Anleger ihre ETFs, um ihr Geld anderswo anzulegen, drücken sie die Kurse weiter. Noch mehr Menschen verkaufen, die Kurse sinken weiter.
- Beim Abendessen hören Anleger von ihren Freunden, dass diese ihre US-ETFs verkauft haben. Beim Gedanken an die schon lange roten Zahlen ihrer eigenen Anlagen bekommen sie Angst. Auch sie verkaufen und erzählen ihren Freunden davon.
- Es droht ein Kreislauf. Die Börsenkurse fallen und brauchen lange, bis sie sich erholen.
Ich kann nicht genau sagen, wie wahrscheinlich dieser Kreislauf demnächst beginnt. Ich schätze die Wahrscheinlichkeit aber auf mindestens 50 Prozent. Denn womöglich stehen wir in den USA vor einer Krise, die den Kreislauf auslöst.
2. Eine unterschätzte Gefahr
Die Lage an den Börsen ist, als hätten viele Leute Geld darauf gesetzt, dass alle Menschen die 100 Meter in unter zehn Sekunden laufen, weil einige Menschen dies zu einer bestimmten Zeit ihres Lebens konnten. Das ist unklug. Wer Geld mit Wetten auf 100-Meter-Läufer verdienen will, sollte sich fragen, wie viel schnelle Läufer es gibt und wie er sie erkennt. Das gilt auch für Indizes und ETFs.
Dass nur wenige Aktienmärkte langfristig immer steigen, haben wir gesehen. Schauen wir uns also an, was sie von schwachen Märkten unterscheidet.
Kurse steigen, wenn die Wirtschaft wächst. Und die Wirtschaft wächst – für diese Erklärung erhielten die Professoren Daron Acemoglu, Simon Johnson und James A. Robinso im Jahr 2024 den Wirtschaftsnobelpreis – unter diesen drei Bedingungen:
- Lösungsorientierte Politik: Die Politik arbeitet in keinem Land der Welt perfekt. In einigen Ländern löst sie aber langfristig Probleme. In anderen schafft sie neue Probleme und löst bestehende nicht. Oft, weil sie Schwierigkeiten auf Feindbilder und Sündenböcke schiebt. Je besser ein Staat Probleme löst, umso besser entwickelt sich seine Wirtschaft.
- Gleiche Chancen für alle: Wohlstand entsteht, wenn möglichst viele Menschen möglichst gleichberechtigt um Chancen konkurrieren. Setzen sich die klügsten Köpfe und die besten Ideen durch, entwickelt sich ein Land besser, als wenn sich Menschen auch mit mittelmäßigen Ideen durchsetzen, solange sie die richtige Hautfarbe oder Herkunft mitbringen.
- Gleiche Rechte und Gesetze für alle: Wohlstand entsteht, wenn sich ehrliche Arbeit mehr lohnt als Bestechung und Kriminalität. Denn dann arbeiten fast alle Menschen ehrlich und treiben die Wirtschaft.
Die Punkte lassen sich so zusammenfassen: Eine funktionierende Demokratie mit sozialer Marktwirtschaft schafft Wohlstand. Sie löst Probleme, beteiligt möglichst viele Menschen möglichst gleichberechtigt und unterstellt alle den gleichen Gesetzen – auch die Regenten.
Der Unterschied zwischen Nord- und Südkorea, zwischen der Bundesrepublik und der DDR und bislang dem Süden der USA und dem Norden Mexikos zeigt: Gegenden mit fast identischer Geschichte, Geografie und Rohstoffen entwickeln sich binnen kurzer Zeit sehr unterschiedlich, wenn im einen Teil eine funktionierende Demokratie Wohlstand und Sicherheit schafft und im anderen nicht.
Über Jahrhunderte funktionierte die US-Demokratie immer besser. Sie löste Probleme, bezog immer mehr Menschen gleichberechtigt in ihre Gesellschaft ein und sprach allen Menschen, trotz gelegentlicher Krisen, gleiche Rechte zu. Also wuchs die Wirtschaft und die Börsen kletterten von einem Rekord zum nächsten.
Donald Trump ändert das. Er ignoriert echte Probleme, grenzt Menschen aus und biegt Gesetze zu seinen Gunsten.
Ähnlichen Entwicklungen führten in anderen Ländern im mildesten Fall in eine Stagnation, wie unter Silvio Berlusconi in Italien, oder in massive Inflation, wie unter Recep Erdogan in der Türkei. Schlimmstenfalls führten sie in Kriege, wie unter Wladimir Putin in Russland.
In keinem dieser Fälle steigen die Aktienkurse.

Autokraten-Börsen bringen keine Rendite: Wer in ungarische Aktien unter Viktor Orban (oben der Expat Hungary BUX UCITS) oder türkische Aktien unter Recep Erdogan (unten der Amundi MSCI Turkey UCITS ETF Acc) investiert hat, hat damit fast nichts verdient.
Selbst der auf den ersten Blick grüne Kursverlauf des türkischen Amundi MSCI Turkey brachte über 19 Jahre nur rund 30 Prozent Gewinn. Pro Jahr entspricht das einer Rendite von knapp 1,5 Prozent. Festgeldanlagen waren oft rentabler und immer sicherer.
Entwickeln sich die US-Börsen in den kommenden Jahren ähnlich, dürften viele ETF-Sparer ihre Anteile verkaufen und ihr Geld besser anlegen. Dann droht eine Börsenkrise.

Solange in den USA Donald Trump oder ein Mitglied seines Clans regieren – Trump arbeitet daran, dass dies sehr lange sein könnte – drohen den USA ähnlich schwache Börsen. Womöglich wechselt der Börsenmarkt, der in vielen Depots die Mehrheit aller Anlagen ausmacht, von der Kategorie „steigt zuverlässig“ in die Kategorie „dümpelt dahin“. Wer mit diesem Markt dann für den Ruhestand spart, dem drohen ähnliche dürftige Ergebnisse wie jemandem, der dies Ende der 1980er mit dem japanischen Nikkei tat.
Selbst wenn Trumps Amtszeit regulär endet, erleben Anleger womöglich vier Jahre schwacher Kurse. Ob sie das aushalten, wenn sie im Glauben an immer steigende Kurse gekauft haben, kann niemand sagen. Es besteht aber die Gefahr, dass irgendwann ein Teil anfängt zu verkaufen. Dann sinken die Kurse noch stärker und noch mehr Anleger verkaufen.
Über die vergangenen Jahrzehnte haben sich immer wieder Zeiten abgewechselt, in denen Anleger die Börse entweder für einen Selbstläufer hielten oder für ein unmögliches Unterfangen. Gleiches haben wir am Immobilienmarkt erlebt. Gut möglich also, dass auf uns ein Jahrzehnt oder länger der Börsenskepsis zukommt, in denen alle, die in den nächsten Jahren Geld verlieren, Aktien meiden. Dann dümpeln die Kurse lange Zeit.
Deswegen halte ich es für wahrscheinlich, dass US-ETFs in den kommenden 20 Jahren keine Höchststände erleben und womöglich sogar Verluste bringen.
Was Anleger jetzt über US-Börsen wissen müssen
Natürlich scheint durchaus möglich, dass jemand Trump aufhält, bevor dieser zu großen Schaden anrichtet: Die Altersvorsorge vieler Amerikaner hängt größtenteils am Aktienmarkt. Auch Universitäten und andere Einrichtungen sind dort investiert. Hoffentlich erkennen sie den Wert, den eine funktionierende Demokratie ihren Anlagen bietet.
Selbst wenn jemand Trump aufhält, erfordert dies aber wohl größere Proteste. Der Sturm auf das Kapitol hat gezeigt, dass Trump gewaltbereite Unterstützer besitzt, die zu Gegenprotesten bereit sein dürften. Ehemalige Berater des Präsidenten berichten außerdem, dass diese bereits auf die Protestierenden der Black-Lives-Matter-Bewegung schießen lassen wollte. Die USA sitzen also auf einem Pulverfass.
Das kann alles gut gehen. Muss es aber nicht. Schlimmstenfalls eskaliert die Lage.
Auch das dürfte Börsen, die Unsicherheit nicht mögen, empfindlich drücken. Auch das könnte den Kreislauf langer Kursschwäche auslösen. Risiken bestehen also zuhauf.
Womöglich erkennen die US-Amerikaner den Wert einer funktionierenden Demokratie auch nicht: Die wichtigsten Medien, von Fox News bis X (ehemals Twitter) betreiben Propaganda für Trump. Gut ein Drittel aller Wähler glaubt ihm bereits alles. Eine schlagkräftige Opposition fehlt.
Womöglich kommt Trump also mit seiner Politik durch. Dann dürfte die US-Wirtschaft auf Jahrzehnte kriseln. Mit ihr kriseln die Börsen und die ETF-Ersparnisse vieler Anleger schmelzen dahin.
Ein Blender: Der türkische Aktienindex ISE ist deutlich gestiegen (oben). Das liegt aber an der massiven Inflation im Land. In Euro gerechnet, haben Anleger mit ETFs auf den Index nichts verdient (unten). Ein ETF wie der Amundi MSCI Turkey UCITS bewegt sich seit 2008 beispielsweise seitwärts. Je nach Anlageverhalten bringt das kaum Rendite oder Verluste.
Steigende Kurse durch Inflation könnten auch die USA erleben. Das nützt aber weder den Menschen im Land - sie können sich davon nicht mehr kaufen - noch den Anlegern in Deutschland - in Euro umgerechnet verpuffen die Kurssteigerungen.
Deswegen schränke ich meine Prognose ein: In Euro gerechnet erleben die US-Börsen auf 20 Jahre mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit keine Rekordkurse. In US-Dollar scheint alles denkbar.

Was können Anleger nun tun?
Was ETF-Sparer nun tun, müssen sie selbst entscheiden:
- Wer bislang vor allem ETFs auf Dax oder EuroStoxx angespart hat, braucht sich um die USA wenig zu sorgen. Zwar schwächen Trumps Eskapaden auch das Wirtschaftswachstum hierzulande. Sie motivieren die Politik aber, in Rüstung und Infrastruktur zu investieren, was einiges ausgleicht. Solange die Europäer nicht ihre eigenen Versionen Donald Trumps ermächtigen, überstehen sie eine US-Krise.
- Wer auch ETFs auf Dow Jones, S&P 500 oder MSCI World im Depot hat, muss entscheiden, wie er die Lage in den USA beurteilt. Zumindest sollte er nicht blind auf steigende Kurse vertrauen. Er sollte die politische Stabilität im Auge behalten. Die US-Demokratie hat dunkle Zeiten erlebt, etwa im Jahr 1968. Aber sie hat nie einen Präsidenten erlebt, der mit Unterstützung große Medien an ihrer Abschaffung arbeitet. Niemand muss deswegen unbedingt seine Aktien verkaufen. Einfach ausblenden sollten wir dieses Risiko aber auch nicht.
- Überlebt die Demokratie, überlebt das goldene US-Börsenzeitalter. Dann bieten die nordamerikanischen Märkte womöglich bald gute Einstiegskurse.
Persönlich habe ich alle US-Aktien verkauft. Früher machten sie über 90 Prozent meines Depots aus. Momentan ist mir die Lage zu riskant: Eine 50:50-Chance erinnert mich zu stark an Glücksspiel. Tritt Trump ab, denke ich über Anlagen in den USA neu nach.