Christian Masengarb

Dem Populismus ein Ende

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Wie wir Populisten stoppen: Schluss mit Schuldzuweisungen

Posted on 28. Januar 202628. Januar 2026 by Christian Masengarb

Populismus wächst nicht, weil „die anderen“ versagen. Er wächst, weil wir alle ihn unbewusst stärken. Das ändern wir, indem wir niemandem die Schuld zuweisen. So unbequem das sein mag.

Wer sich für Politik interessiert, hört regelmäßig Aussagen wie „Von dieser Entscheidung profitieren nur die Populisten“ oder „Wenn sich jemand so verhält, braucht er sich nicht wundern, wenn Leute Populisten wählen.“

Schuldzuweisungen wie diese helfen Populisten, Wahlen zu gewinnen. Wir halten Populisten auf, indem wir sie unterlassen. Dafür müssen wir Hoffnungen aufgeben. Das macht es so schwierig. Denn noch klammern wir uns an diese.

Fünf Punkte erklären das Problem und wie wir es lösen.

1. Niemand ist am Populismus Schuld

Das erste Problem von Schuldzuweisungen beginnt damit, dass sie fast immer Andersdenkenden die Schuld an Wahlerfolgen von Populisten zuschieben. Fast niemand sagt: „Ich bin am Populismus schuld.“ Es sind immer die anderen. Die, die man sowieso nie mochte.

Und zwar nur die. Es waren schon immer die Kapitalisten oder die Kommunisten, die Linke oder die Rechten, die Reichen oder die Armen. 1933? Heute? Angeblich die gleichen Schuldigen.

Diese Erklärungen sind offensichtlich falsch. Es gab schon immer Politiker, die Menschen in Auserwählten und Eindringlinge teilen. Politiker, die behaupteten, die Auserwählten müssen die Eindringlinge besiegen. Politiker, die Menschen Furcht einreden und dann behaupten, was sie fürchten bedrohe was sie lieben. Diese Muster sind älter als alles, was unsere Gesellschaft heute ausmacht. Sie sind so alt wie die Politik selbst.

So verlockend es sein mag, Dingen, die wir nicht mögen, die Schuld für sie zuschieben zu wollen, weder Union, SPD, Grüne noch FDP können an ihnen schuld sein. Weder zu viel freier Markt noch zu wenig, weder zu viel Umverteilung noch zu wenig, weder zu viel Migration noch zu wenig erklären überzeugend, wieso im antiken Griechenland, im antiken Rom, im Amerika der 1950er Jahre und heute überall auf der Welt Populisten nach Macht drängten und drängen.

Es bringt nichts, Schuldige zu suchen. Aber es hilft den Populisten, denn es wirkt, als gäbe es Schuldige. Lassen wir das.

2. Jeder ist am Populismus Schuld

Autor Rory Sutherland schreibt, das Gegenteil einer guten Idee könne ebenfalls eine gute Idee sein. So ist es auch in diesem Fall. Niemand ist am Populismus schuld. Außer wir alle.

Lassen Sie mich erklären.

Wir weisen so gerne Andersdenkenden die Schuld am Populismus zu, weil wir uns dadurch selbst von Verantwortung befreien:

  • Treiben angeblich zu niedrige Renten arme Senioren in die Hände von Populisten, trifft jene, die schon immer für höhere Bezüge warben, keine Schuld. Im Gegenteil. Sie taten alles, Schlimmeres zu verhindern. „Es hörte nur niemand auf uns.“
  • Treiben angeblich zu hohe Renten überlastete Beitragszahler in die Hände von Populisten, trifft jene, die schon immer für niedrigere Renten warben, keine Schuld. Im Gegenteil.

Wer anderen die Schuld gibt, befreit sich von ihr. Das fühlt sich gut an. Es verursacht aber zwei Probleme:

  1. Niemand tut etwas. Hält sich niemand für verantwortlich, unternimmt niemand etwas gegen Populisten. Alle belehren alle.
  2. Es vertieft bestehende Gräben. Wer mit anderen die richtige Rentenhöhe diskutiert, bespricht nicht länger nur Bezüge und Beiträge. Er bespricht auch die Schuld am Populismus und den mit ihm verbundenen Ängsten. Das lädt die Debatte auf. Dasselbe gilt für alle Themen. Populisten spalten allein durch ihr Auftreten eine Gesellschaft.

Waschen wir uns nicht länger von der Schuld am Populismus rein. „Niemandem die Hauptschuld, allen eine Mitschuld“, lautet die Devise. In einer Gesellschaft mit rund 80 Millionen Mitgliedern trägt jeder rund ein Achtzigmillionstel der Verantwortung. Jemandem zwei Achtzigmillionstel Schuld anzudichten, ändert nichts.

Dazu müssen wir Hoffnungen aufgeben. Die Hoffnung, einfach wie immer weitermachen zu können. Die Hoffnung, uns nicht hinterfragen zu müssen. Die Hoffnung, schon immer alles richtig gemacht zu haben. Doch das lohnt sich, denn es lässt uns etwas tun. Und es vermeidet, andere zu nerven.

3. Abgehobene Schulddebatten nerven die Menschen

Schulddebatten übersehen ihre Widersprüche meist, weil sie an intellektuelle Konzepte anknüpfen. Offensichtlich stärkte keine heutige deutsche Partei Populisten in anderen Ländern oder vor 100 Jahren. Wer sie trotzdem zweifelsfrei zum Verursacher des Populismus in Deutschland erklären will, muss sie über ein derartiges Konzept mit ihnen verknüpfen: Schuld waren angeblich schon immer Kapitalismus oder Kommunismus, freie Märkte oder zu viel Staat. Heutige deutsche Parteien entsprechen diesen Konzepten.

Diese Verknüpfungen zwängen ein Problem vieler – „Wie gehen wir mit Populisten um?“ – auf die Ebene weniger. Die meisten Menschen beachten Sätze mit Worten wie „Kapitalismus“ oder „Kommunismus“ mit Misstrauen. Sie bezweifeln, dass diese Muster ihnen im Alltag helfen.

Viel zu häufig zwängen wir Entwicklungen dennoch in diese Muster. Damit erreichen wir, dass uns niemand zuhört.

Gleichzeitig verbreiten Populisten auf Eingängigkeit zugeschnittene Botschaften.

Die einen sprechen für viele, die anderen für wenige. Wer damit mehr Menschen erreicht, liegt nahe. Dieses Verhältnis müssen wir umkehren.

4. Populisten entstehen, sobald sie es können

Schuldzuweisungen führen zu nichts. Sie vergraulen alle, die abgehobene Debatten nerven. Und alle, die spüren, dass Populisten seit Jahrtausenden in allen Arten von Gesellschaften entstehen und deswegen keinen einzelnen Auslöser haben können.

Es hilft nur, zu erklären. Was passiert. Warum es gefährlich ist. Wie wir es verhindern.

Populisten entstehen, wenn sie die Gelegenheit bekommen, Menschen gegeneinander auszuspielen. Durch neue Medien etwa. Durch alternde Gesellschaften, in denen sich naturgemäß das Wachstum abschwächt und ihre Mitglieder stärker um dessen Verteilung ringen: Mehr Rente und mehr Belastung für Angestellte oder weniger Belastung und mehr Altersarmut?

Weil sich diese Fragen Allheilmitteln verschließen, können Populisten sie erfinden. „Ausländer raus“ verschlimmert das Problem. „Reiche besteuern“ bleibt ein Tropfen auf den heißen Stein. Beide Ansätze klingen aber attraktiv. Liefern Soziale Medien Populisten dann noch Werkzeugen, diese Ansätze widerspruchsfrei zu verbreiten, wächst Populismus.

Die Strategie funktioniert in den besten Zeiten und in den schlechtesten. Völlig egal, wer wie regiert. 

5. Wir halten Populisten auf, indem wir

Wir halten Populisten auf, indem wir die Mehrheit der Wähler überzeugen, dass Populisten aufgehalten werden müssen. Indem die Mehrheit der Gesellschaft einen kleinen Beitrag leistet.

Die Mehrheit der Wähler interessiert sich weder für Schuldfragen noch für den Unterschied zwischen Autoritarismus und Totalitarismus noch für die Spätfolgen jahrzehntealter Krisen. Sie wollen ihren Kindern eine sichere Welt hinterlassen. Sie wollen Essen auf dem Tisch. Sie wollen ab und zu in den Urlaub fahren. Sie wollen auf der Straße nicht von Maskierten erschossen werden.

Aktuelle Entwicklungen und die Geschichte der Menschheit überhäufen uns mit Beispielen, warum wir diese Ziele mit Populisten nie erreichen. Sie überhäufen uns auch mit Beispielen, warum wir diese Ziele mit jeder beliebigen Koalition aus Union, SPD, Grünen und FDP erreichen.

Erklären wir diese Beispiele. Lassen wir das Fingerzeigen. Unsere Zukunft hängt davon ab.

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