Die Gesellschaft ist zerstritten. Das ist nicht neu, es war schon immer so. Aber es geht besser. Denn es gibt Lösungen.
Fast überall auf der Welt wettern Einheimische gegen Migranten, Arme gegen Reiche, Linke gegen Rechte, Städter gegen Landbevölkerung – und umgekehrt. Das war schon immer so. Dabei würde jeder lieber in einer harmonischen Gesellschaft leben. Das Zaubermittel zur Lösung des Problems heißt: Spieltheorie.
Eines der klassischen Beispiele der Spieltheorie ist das Gefangendilemma. Dessen Erfinder, Albert W. Tucker, beschrieb die Idee so:
Zwei Gefangene werden verdächtigt, gemeinsam eine Straftat begangen zu haben. Beide werden in getrennten Räumen verhört und haben keine Möglichkeit, sich zu beraten und ihr Verhalten abzustimmen. Die Höchststrafe für das Verbrechen beträgt sechs Jahre.
Es gibt folgende Optionen:
- Wenn sich die Gefangenen entscheiden zu schweigen (Kooperation), werden beide wegen kleinerer Delikte zu je einem Jahr Haft verurteilt.
- Beschuldigen beide den anderen (Defektion), erwartet beide eine Gefängnisstrafe, wegen der Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden jedoch nicht die Höchststrafe, sondern lediglich vier Jahre Haft.
- Beschuldigt nur einer den anderen (Defektion) und der andere schweigt (Kooperation), bekommt der Geständige als Kronzeuge eine symbolische einjährige Bewährungsstrafe, der andere bekommt die Höchststrafe von sechs Jahren Haft.
Intuitiv scheint es, als würden beide Seiten profitieren, wenn sie kooperieren. Dann säßen sie zwar ein Jahr ein, könnten aber die Höchststrafe vermeiden und müssten nicht ihren Partner verraten.
Das wird aber nicht passieren. Schreiben wir das Problem in einer Tabelle, wird klar, warum:
Gefangener B schweigt | Gefangener B beschuldigt Gefangenen A | |
Gefangener A schweigt | Gefangener A: 1 Jahr Gefängnis Gefangener B: 1 Jahr Gefängnis | Gefangener A: 4 Jahre Gefängnis Gefangener B: 0 Jahre Gefängnis |
Gefangener A beschuldigt Gefangenen B | Gefangener A: 0 Jahre Gefängnis Gefangener B: 4 Jahre Gefängnis | Gefangener A: 2 Jahre Gefängnis Gefangener B: 2 Jahre Gefängnis |
Versetzen wir uns nun in die Position des Gefangenen A. Was sollte er tun? Dazu muss er sich überlegen, was B wohl tut und wie er darauf reagieren soll. Das sähe so aus:
- Wenn der Gefangene B schweigt, wäre A besser dran, B zu beschuldigen. Schweigt der Gefangene B und der Gefangene A beschuldigt ihn, kommt A frei. Schweigt A auch, muss er ein Jahr ins Gefängnis. Schweigt B, wäre die Strafe für A also geringer, wenn er B beschuldigt.
- Wenn der Gefangene B den Gefangenen A beschuldigt, wäre A besser dran, B auch zu beschuldigen. Beschuldigt B den Gefangenen A, bekommt dieser eine zweijährige Strafe, wenn er B auch beschuldigt. Schweigt A aber, muss er vier Jahre ins Gefängnis. Auch hier ist die Strafe geringer, wenn A seinen Komplizen beschuldigt.
Das Ergebnis ist in beiden Fällen gleich: Egal was B tut, für A wäre es immer besser B zu beschuldigen. Weil B zur gleichen Einsicht gelangt, werden sich wahrscheinlich beide Gefangenen gegenseitig beschuldigen und zwei Jahre ins Gefängnis müssen, obwohl für beide ein besseres Ergebnis möglich gewesen wäre. Hätten beide geschwiegen, wären sie schon nach einem Jahr frei gekommen.
Dieses Problem lässt sich auf viele Formen von Kooperation übertragen: Zwar kann Kooperation meist bessere Ergebnisse liefern. Oft verweigern Menschen dennoch die Kooperation und akzeptieren schlechtere Ergebnisse, weil sie sich nicht sicher sind, dass die anderen Beteiligten auch kooperieren. Sie befürchten, als einzige zur Kooperation bereit zu sein und das schlechtest mögliche Ergebnis akzeptieren zu müssen, wenn die anderen die Kooperation verweigern. Wie Experimente belegen, verhalten sich Menschen in dieser Situation tatsächlich so.
Das Gefangendilemma finden wir auch in der Politik. Gesellschaften und Beziehungen zwischen Staaten profitieren von Kooperation, doch es scheint sicherer, nicht zu kooperieren. Dadurch hoffen wir, die schlimmen Konsequenzen zu vermeiden, die wir fürchten, wen wir kooperieren, die anderen aber nicht. Donald Trumps gesamte Rhetorik zielt darauf, die Angst vor der fehlenden Kooperation anderer Staaten, der Ausländer, der Demokraten und vieler mehr zu schüren. Seine Maßnahmen sind nichts anderes als Kooperationsverweigerung, etwa wenn er aus internationalen Abkommen aussteigt oder Schutzzölle erhebt. Negative Folgen wie Preissteigerungen kann er als große Rettung verkaufen, weil Sie besser wirken als das Schreckensszenario, die Größte Anzunehmende Bedrohung, die er im Gegensatz dazu skizziert. Wie die Komplizen im Gefangenendilemma sind seine Unterstützer bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen (also die zweijährige Haft), um das schlechtes mögliche Ergebnis (die vierjährige Haft) zu verhindern. Die Ideologien Erdogans, der AfD und Marine Le Pens funktionieren ebenso. Bei den Nationalsozialisten und der DDR war es ähnlich.

Immer das gleiche: Von der DDR und der Berliner Mauer (im Bild) bis zu den Nationalsozialisten und den Konzentrationslagern – destruktive politische Ideen und ihre schlimmsten Auswüchse entstehen immer aus übertriebener Angst vor verweigerter Kooperation. Bei der DDR war es der kapitalistische Westen, bei den Nazis die Juden. Beide fürchteten, der andere würde nie mit ihnen zusammenarbeiten. Also waren sie zum Äußersten bereit.
Die Aufgabe guter Politik besteht darin, die Menschen zur Kooperation zu bewegen – trotz der Schwierigkeiten, die das Gefangenendilemma verdeutlicht. Nur dann können die Menschen gemeinsam auf das Erreichen des bestmöglichen Ziels hinarbeiten.
Wie können Gesellschaften kooperieren?
Das Gefangenendilemma legt eine Vermutung nahe: Wenn die Komplizen mehrmals in die gleiche Situation kommen, könnten sie dann aus ihren Fehlern lernen und doch kooperieren? Würde sich gegenseitige Kooperation mit der Zeit als einzig sinnvolle Alternative erweisen? Um diese Frage zu beantworten, können wir uns ein Gefangenendilemma über zehn Runden vorstellen.
Was würden die Komplizen in Runde eins tun? Wenn wir auf Kooperation hoffen, nehmen wir an, beide denken voraus und wollen durch Kooperation den anderen dazu bringen, am Ende auch zu kooperieren. Wäre es tatsächlich so, würden beide wohl schon in der ersten Runden dicht halten und so das bestmögliche Ergebnis für beide erzielen.
Leider denken Menschen nicht so. Wie Experimente zeigen, tun sie in diesen Situationen intuitiv das eigentlich rationale. Sie denken von hinten nach vorne, nicht von vorne nach hinten. Sie fragen sich, was der andere tun könnte und reagieren entsprechend. Bei wiederholten Situationen fangen sie bei der letzten an und argumentieren nach vorne. Zum Beispiel würden viele Menschen ihre Partner verlassen, wenn sie wüssten, dass dieser sie irgendwann mit zwei Kindern sitzen lässt. Ausgehend von ihren Erwartungen für das Ende entscheiden sie, wie sie sich jetzt verhalten sollten. Sie investieren nur in die Beziehung, wenn sie auf ein gutes Ende hoffen können.
Das würden auch die Komplizen in einem Gefangendilemma tun. Sie fragen sich, welches Verhalten sie in der letzten Runde vom anderen Gefangenen erwarten können. Daraus schließen sie, ob sie schon in Runde ein kooperieren sollten. Das sähe so aus:
- In der zehnten Runde besteht ein normales Gefangenendilemma: Weil dies die letzte Runde des Spiels ist, hofft keiner der Gefangenen, seine Entscheidung könnte die des anderen zukünftig beeinflussen. Wir sind in der selben Situation wie in einem normalen Gefangenendilemma: Beide Komplizen werden die Kooperation verweigern.
- Wenn die Gefangenen glauben, der andere würde in Runde zehn nicht kooperieren, gibt es für sie keinen Grund, in Runde neun zu kooperieren. Weil beide glauben, der andere würde in der nächsten Runde ohnehin nicht kooperieren, macht es für sie keinen Sinn, ihn durch Kooperation in dieser Runde überzeugen zu wollen. Sie verraten ihn also.
- Wenn die Gefangenen glauben, der andere würde in Runde neun nicht kooperieren, gibt es für sie keinen Grund, in Runde acht zu kooperieren.
- Und so weiter. Diese Argumentation lässt sich bis zur ersten Runde fortsetzen. Wenn die Gefangenen nicht sicher sind, dass der andere in der letzten Runde kooperieren wird, werden sie es auch in der ersten nicht tun. Experimente beweisen diese Annahme.
Damit es in einem Gefangenendilemma zu Kooperation kommen kann, brauchen die Beteiligten eine Garantie, dass die anderen ebenfalls kooperieren werden. Ohne diese Garantie schaden sie sich selbst und akzeptieren schlechte Ergebnisse.
Experimente beweisen diese Annahme. Ohne eine Garantie für die Kooperation der anderen verweigern die meisten Menschen von Anfang an jede Zusammenarbeit.
Auch in der Politik finden sich ähnliche Beispiele. Fraktionen, Parteien und Interessengruppen werden nur zusammenarbeiten, wenn sie erwarten, dass die anderen auch zusammenarbeiten. Während des Kalten Krieges mussten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion beispielsweise ständig zwischen Auf- und Abrüstung entscheiden. Zwar hätten beide viel Geld sparen können und eine sicherere Welt schaffen können, wenn sie abgerüstet hätten. Weil sich aber keine Seite sicher war, dass sich die andere ständig an die Vereinbarungen halten würden, dauerte es, bis ins Jahr 1972, bevor sich beide Seiten zu Abrüstungsgesprächen trafen.
Disarmament without checks is but a shadow.
John F. Kennedy
Auch innergesellschaftliche Konflikte können zu einem kalten Krieg der Meinungen führen. Wenn keine der Seiten glaubt, die andere wäre langfristig kompromissbereit, reduziert sich ihre eigene Kompromissbereitschaft. Dadurch fühlt sich die jeweils andere Seite in ihrer ursprünglichen Annahme bestätigt und der Konflikt verschärft sich stetig.
Oft zwingen sich beide Seiten gegenseitig, die Kooperation einzustellen, indem sie selbst nicht kooperieren. Weil ihnen dieser Mechanismus nicht bewusst ist, beschuldigen sie sich gegenseitig, den Konflikt begonnen zu haben. Dieser Punkt ist allerdings unwichtig. Durch die fehlende Kooperation kann keine Seite Interessen durchsetzen. Beide würden von einem mehr an Kooperation profitieren. Diese Einsicht kann nutzlose Ursachenforschung durch effektive Problembewältigung ersetzen.

Diese Lektion kennen wir auch aus dem täglichen Leben.
- Beziehungen: Wir sind in Beziehungen nur so lange bereit, Kompromisse einzugehen, wie wir glauben, dass auch unser Partner kompromissbereit ist. Meinen wir, er würde selbst nie einen Schritt auf uns zu kommen, sind auch wir nicht mehr zur Zusammenarbeit bereit.
- Persönliche Schwierigkeiten: Es fällt uns oft schwer, Verhaltensweisen durchzuziehen, wenn wir nicht glauben, dass wir das auch in der Zukunft könnten. Nimmt ein Alkoholiker beispielsweise an, früher oder später rückfällig zu werden, steigert das die Wahrscheinlichkeit, dass er schon heute wieder mit dem Trinken beginnt. Der Satz „Es hat doch sowieso keinen Sinn“ ist das Ergebnis eines Gefangenendilemmas zwischen der heutigen und zukünftigen Version unseres Selbst: Zwar wäre der Alkoholiker besser bedient, heute und in der Zukunft die Finger von der Flasche zu lassen, doch weil er sich nicht sicher ist, ob er in der Zukunft noch kooperieren wird, akzeptiert er schon heute womöglich ein schlechteres Ergebnis. Und das nur, weil er Angst hat, sich heute anzustrengen und trotzdem zu scheitern. Das wäre das schlechteste mögliche Ergebnis, und das will er vermeiden. Auf ähnliche Weise sabotieren wir uns selbst, wenn wir an unserer Fähigkeit zweifeln, einen Job, unser Gewicht oder eine Beziehung durchzuhalten.
- Doping: Alle Sportler würden profitieren, wenn keiner von ihnen dopen würde. Betrügt allerdings nur einer von ihnen, stiehlt er Aufmerksamkeit, Geld und womöglich einen Platz im Kader von ehrlichen Athleten. Deswegen verwenden in den Sportarten, in denen Doping die größten Leistungssteigerungen bringt, viele Athleten illegale Mittel.
- Klimawandel: Um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen, müssten alle Menschen ihren Beitrag leisten. Weil aber viele Bürger und Staaten annehmen, die anderen würden die Kooperation verweigern, leisten sie auch selbst keinen Beitrag. So entsteht eine Welt, die ihre größte Bedrohung ignoriert.
Gute Politik, die die Menschen zur Kooperation bewegt, muss also alle Mitglieder der Gesellschaft überzeugen, dass die anderen kooperieren werden. Nur dann kann auch vom einzelnen Bürger Kooperation erwartet werden.
Demokratien bieten die idealen Voraussetzungen, um dieses Ziel zu erreichen. Allerdings gibt es auch in ihnen viele subtile Wege, die Menschen von der mangelnden Kooperationsbereitschaft der anderen überzeugen können. Menschen, denen durch Armut, ethnische oder religiöse Teilung oder sonstige Mechanismen der Zugang zur Gesellschaft verwehrt bleibt, haben keinen Grund, vom Rest der Gesellschaft Kooperation zu erwarten. Also werden auch sie früher oder später aufhören zu kooperieren.
Die Bürgerrechtsbewegung der USA und der Kampf gegen Apartheid sind nur zwei der populärsten Folgen dieses Mechanismus. Auch weniger drastische Maßnahmen können einem Teil der Gesellschaft den Glauben an die Kooperation der anderen rauben. Dann wird dieser Teil die Kooperation einstellen und es kommt zu einer langsam eskalierenden Teilung der Gesellschaft. Wird diese nicht unterbrochen, führt sie zu ähnlichen Ergebnissen.
Fazit
- Das Gefangenendilemma lehrt uns, dass Kooperation zwei Dinge voraussetzt:
- Wiederholte Interaktionen, und
- Die Sicherheit, dass der andere auch kooperiert.
- Fehlt einer dieser Voraussetzungen, macht es keinen Sinn, für die Beteiligten zu kooperieren.
- Gute Politik bewegt die Bürger zur Kooperation, indem sie sie überzeugt, dass auch die anderen Mitglieder mit ihnen kooperieren werden.