Der Konflikt um Grönland scheint etwas entschärft. Doch Trump dürfte Deutschland und Europa bald wieder attackieren. Sein Narzissmus braucht Befriedigung. Je früher wir ihm entgegentreten, umso besser stehen unsere Chancen.
Als US-Präsident Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklären soll, wie die geregelte Weltordnung seinen Griff nach Grönland überdauern soll, macht dieser mit vier Worten klar, warum die Weltordnung der vergangenen Jahrzehnte bereits in Scherben liegt.
Als Trump ans Rednerpult tritt, fürchten viele Menschen, die USA könnten sich vom Freund zum Feind der EU entwickeln. Sie fürchten, das Land, das unsere Computer steuert, unser Militär stützt und unsere Finanzmärkte bestimmt, könne diese Vernetzungen als Waffen gegen uns einsetzen. Seit Trumps nach Grönland greift, verstärkt er diese Ängste. In seiner Rede könnte er sie beschwichtigen.
Trump unterlässt das. In einer für ihn typisch wirren Ansprache voller Lügen und Rassismus sagt er zwar, er brauche keinen Militäreinsatz, um sich Grönland zu sichern. Gute Nachrichten, meinen einige. Der Angriff eines Nato-Mitglieds auf ein anderes hätte das Bündnis wohl zerstört. Vier Worte zeigen aber, wieso deswegen in Europa kein Grund zur Entwarnung besteht: Trump nennt Grönland viermal Island.
Trump kann Grönland nicht von Island unterscheiden
Der US-Präsident gefährdet wegen Grönland das westliche Bündnis, während Russland und China ihre Macht ausdehnen wollen. Er behauptet, die Insel zur Sicherheit der Welt vollständig besitzen zu müssen. Einige Beobachter meinen, in Wahrheit greife er nach den dort liegenden Rohstoffen. Dass Trump Grönland nicht von Island unterscheiden kann, zeigt, wie weit diese Erklärungen daneben liegen. Reden wir Trump nicht länger klüger als er ist.
Spätestens mit seinem Auftritt in Davos zeigt der US-Präsident: Ihn interessieren weder Rohstoffe noch die Sicherheit der Welt. Ihn interessiert wohl nicht einmal die Sicherheit der USA. Ihn interessiert nur er selbst.
Das sollten wir uns eingestehen. Denn es erfordert einen besonderen Umgang mit Trump.
Die beste Erklärung für Trump: Narzisstische Befriedigung
Die beste Erklärung für Trumps scheinbar unlogisches Verhalten liefert ein Ansatz, den unter anderem der britische Philosoph Vlad Vexler vertritt: narzisstische Befriedigung.
Das Argument, Trump sei ein Narzisst, äußern viele. Dass er deswegen im Mittelpunkt stehen will auch. Seltener besprechen Analysten genau, was das bedeutet. Hier kommt narzisstische Befriedigung ins Spiel.
Das Konzept besagt, dass Trump seinen Narzissmus auf zwei Wegen befriedigen kann:
- Durch (zumindest scheinbar) große Leistungen: Lob, Anerkennung, Preise, Schmeicheleien.
- Durch Grausamkeit. Gelingen ihm keine großen Leistungen – bekommt er keinen Friedensnobelpreis, protestieren die US-Amerikaner gegen ihn und schaden seine Zölle der Wirtschaft – kann sich ein Narzisst durch Grausamkeit in den Mittelpunkt stellen. Er zeigt: „Diese Leute würdigen mich nicht, aber ich steuere sie trotzdem.“ Oder: „Ich kann diese Grausamkeiten tun und komme damit durch.“
Aus dieser Sicht befriedigt Trump mit dem Griff nach Grönland Trump vor allem seinen Narzissmus. Er muss nicht wissen, wo die Insel liegt. Es reicht ihm, wenn ihn die Welt schockiert als besondere Person würdigt. Besonders genial oder besonders grausam. Hauptsache besonders.
Dieses Konzept erklärt, warum Trump sich und den USA immer wieder schadet: Er will Anerkennung und Aufmerksamkeit. Bekommt er sie nicht durch Geniales, holt er sie sich durch Grausamkeit. Deswegen beschimpft er Verbündete, die er dringend braucht. Deswegen geht er gegen Politiker vor, die ihm vor Jahren widersprachen, aber heute längst nicht mehr schaden. Deswegen beschimpft er den ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Selenskyj.
Dieses Konzept erklärt Trumps Handeln besser als Ansätze wie „Trump denkt nach den Regeln des Reality-TVs“, „Er hat Demenz“ oder „Er verfolgt in Wahrheit ausgeklügelte Pläne“.
Trumps Narzissmus braucht weitere Attacken auf Europa
Für Deutschland und Europa schafft Trumps Streben nach narzisstischer Befriedigung zwei Probleme:
1. Narzissmus endet nie: Trump wird auch morgen narzisstische Befriedigung brauchen. Und in einem Monat. Und in einem Jahr.
2. Nichts befriedigt Trumps Narzissmus dauerhaft: Nach dem Konzept narzisstischer Befriedigung teilen Narzissten die Welt in zwei Gruppen: Menschen und Dinge, die ihren Narzissmus befriedigen können, sowie Menschen und Dinge, die ihren Narzissmus nicht befriedigen können.

Einfluss verspielt: Aus Sicht narzisstischer Befriedigung beging die venezolanische Oppositionsführerin María Machado einen Fehler, als sie ihren Friedensnobelpreis Mitte Januar im Weißen Haus an Trump weitergab: Sie gab auf, was Trump an ihr interessierte. Nun, da er ihren Nobelpreis besitzt, kann sie seinen Narzissmus nicht länger durch Größe befriedigen. Sie wird für ihn uninteressant. Schlimmstenfalls befriedigt er seinen Narzissmus, indem er ihr Grausamkeiten antut. Foto: Weißes Haus
Europa steht also vor einem Dilemma:
- Überlässt Europa Trump Grönland, gibt es auf, was ihn interessiert. Besitzen die USA Grönland, kann Trump seinen Narzissmus nicht mehr damit befriedigen. Er strebt nach der nächsten Befriedigung. Da ihm die politischen Fähigkeiten fehlen, diese durch Großes zu erreichen, versucht er wohl wieder Grausames.
- Verwehrt Europa Trump Grönland, strebt er weiter danach: Wieder fehlen ihm Mittel, dies durch Großes zu erreichen. Wieder versucht er wohl mehr Grausames.
Egal, was Europa tut, es muss sich auf weitere Grausamkeiten Trumps vorbereiten. Dieser schrieb nach seinem Auftritt in Davos zwar in Sozialen Medien, keine Zölle gegen Europa verhängen zu wollen. Er kann die narzisstische Befriedigung, die er sich von Grönland erhofft, aber wohl kaum dauerhaft aufgeben.
In der Zwischenzeit sagt Trump heute das eine, morgen das andere. Vielleicht widmet er sich eine Zeit lang anderen Befriedigungen. Sehr wahrscheinlich kommt er aber auf Europa und Grönland zurück. Womöglich schon sehr bald. Womöglich mit neuen Militärdrohungen. Er kann diese Dinge gar nicht ausschließen.
Lügt auch bei Offensichtlichem: Die Sprecherin Donald Trumps bestreitet, dass dieser Grönland und Island verwechselte. Aufzeichnungen seiner Rede belegen dies allerdings eindeutig.
Stellen wir uns Trump entgegen
Sobald Trump Deutschland, die EU und Europa mit neuen Grausamkeiten attackiert, sprechen drei Dinge dafür, ihm entschlossen und geschlossen entgegenzutreten:
- Es gibt kein Bündnis: Die USA haben das Bündnis mit Europa schon lange beendet. Sie sind kein Verbündeter mehr. Sie entwickeln sich immer mehr zum Feind. Wir brauchen nicht hoffen, diese Entwicklung verhindern zu können. Wir müssen uns fragen, was sie für uns bedeutet.
- Es gibt eine Gefahr: Trumps Streben nach narzisstischer Befriedigung kann Deutschland und Europa gefährlich werden. Der britische Politiker und Analyst Rory Stewart sagt im Podcast The Rest is Politics, die USA blieben zwar im Vergleich zu China und Russland noch das weniger aggressive Land. Weil Europa aber viel stärker von den USA abhängt als von China und Russland, seien die USA derzeit die größte Gefahr für unsere Länder. Aussitzen können wir die Gefahr nicht: Viele Mitglieder der US-Regierung denken wie Trump.
- Tun wir etwas: Je früher wir uns der Gefahr Trump entgegenstellen, umso besser stehen unsere Chancen. Jedes Zugeständnis bringt ihm Land, Macht oder Ressourcen. Europa nimmt es Land, Macht oder Ressourcen weg. Jedes Zugeständnis verbessert also die Position der USA, während es die Position Europas schwächt. Je früher wir Trump konfrontieren, umso stärker sind wir. Zögern hilft nur Trump.
Klare Worte mit Effekt: Kanadas Präsident Mark Carney warnt deutlich vor Trump. Er sagt, die alte Weltordnung sei vorüber. Dafür respektiert Trump ihn offenbar mehr als die Europäer. Tun wir es Carney gleich.




