Der Aufstieg von Populisten verbreitet Sorge und Hoffnungslosigkeit. Doch jeder Mensch hat Einfluss. Nutzen wir ihn.
Politik kann sich erdrückend anfühlen. Atommächte bekämpfen sich. Verbündete wandeln sich zu Feinden. Unser Land verfällt dem Populismus.
Was sollen einfache Bürger dagegen tun? Ohne Amt, ohne Macht, gegen Milliardäre, Wahnsinn und Trägheit?
Jeder kann etwas tun: sein Bestes
„Denn die Welt ist in einem schlechten Zustand, aber alles wird noch schlimmer werden, wenn nicht jeder von uns sein Bestes tut“, schrieb Viktor Frankl im Jahr 1946.
Der 1905 geborene Wiener, der im Dritten Reich vier Konzentrationslager überlebte, dort aber seine Frau, seine Mutter und seinen Bruder verlor, ertrug größere Herausforderungen und schlimmere Machtlosigkeit als wir heute.
Trotzdem tat er sein Bestes. Während der Nazi-Herrschaft betreute der Psychiater Bewohner der Ghettos und Konzentrationslager, um sie vom Selbstmord abzuhalten. Nach dem Ende des Dritten Reichs schrieb er seine Erlebnisse im lebensbejahenden Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ nieder. Dann warb er für Versöhnung und warnte, nicht alle Deutschen zu Schuldigen zu erklären.
Heute zeigt uns Frankl, wie wir uns dem erstarkenden Populismus widersetzen.
Jeder hat Macht
Wie Frankl verhindern wir Unrecht und Schlechtes nur, wenn wir etwas tun. Wir sind weder Milliardäre noch Amtsinhaber. Doch wir haben Macht.
Wir sind Menschen. Wir leben in einer Gesellschaft. Wir beeinflussen uns gegenseitig. Unsere Aufgabe lautet, uns richtig zu verhalten. Dazu gehört, uns an der Gesellschaft zu beteiligen. Dazu gehört, Verantwortung für das zu übernehmen, was in unserer Gesellschaft passiert. Für alles, was in unserer Gesellschaft passiert.
Niemand verlangt, dies in Vollzeit zu tun. Niemand verlangt, keine Fehler zu machen. Fünf Minuten die Woche reichen und einfache Handlungen. Hauptsache, jeder von uns tut etwas. Hauptsache, wir zucken nicht nur mit den Achseln.
Überlassen wir das Feld nicht denen, die wir ablehnen. Sonst gewinnen sie sicher. Widersprechen wir Populisten. Benennen wir ihre Verzerrungen. Stehen wir für die Demokratie ein. Und unterstützen wir die, die dies ebenfalls tun.
Sinn statt Gleichgültigkeit
Der Mensch braucht einen Sinn, schreibt Frankl weiter. Gefangene, die im Konzentrationslager aufgaben, starben bald oder brachten sich um. Gefangene, die für etwas leben wollten, hielten länger durch.
Populisten nutzen diese Erkenntnis. Sie sprechen von dunklen Mächten, die sich gegen uns verschwören. Von unendlichen Bedrohungen, vom Untergang des Landes. Sie verwirren, sie beschimpfen. So schenken sie ihren Anhängern einen erfundenen, aber vorübergehend erfüllenden Sinn. Und so reden sie Demokraten Sinnlosigkeit ein. Dadurch kämpfen ihre Anhänger, bis die Demokratie in Gleichgültigkeit stirbt.
Erhalten wir uns den Sinn, in einer offenen, freien, gleichen Gesellschaft zu leben. In einer Demokratie. Kämpfen wir nicht dafür, dass alle denken müssen wie wir, sondern dafür, dass jeder denken darf, was er will. Lassen wir uns keine Machtlosigkeit einreden. Damit dienen wir unserem Land und uns selbst.
Das Tun ist wichtiger als das Ergebnis
Versteifen wir uns nicht darauf, ob wir als Einzelne die Welt verändern können. Konzentrieren wir uns darauf, etwas zu tun. Das ist wichtiger als das Ergebnis.
Womöglich verhindern wir nicht alles Schlimme und Schlechte. Wir können aber immerhin klar sagen, dass es nicht in unserem Namen geschieht. Denn wenn wir nicht unser Bestes tun, kommt es noch schlimmer.
Solange wir etwas tun, sehen wir auch in der Politik einen Sinn. Egal, wie es kommt, wir kommen dann besser durch.




